Schutzhunde in Not

Der Verein „Secure Base – Kompetenzförderung für Herdenschutzhunde und Halter“ nimmt sich – als einziger spezialisierter Verein – der dramatisch steigenden Anzahl von herrenlosen Herdenschutzhunden an.

Mit viel Liebe, Aufwand, Platz und Zeit, aber mit ständigem finanziellem Engpass werden beschlagnahmte sowie traumatisierte, misshandelte und verstoßene Tiere betreut und auch die Herdenschutzhunde aufgenommen, die in Tierheimen keine Aufnahme finden. Ein zwei Hektar großer Hof in Wolfsberg in Kärnten ist seit 2018 die Auffangstelle für Herdenschutzhunde von Sissy Lippitz, MSc und ihrem Mann Konrad Lippitz. Seit 20 Jahren fungiert Sissy Lippitz bereits als Hunde-Pflegestelle und seit 2015 speziell für Herdenschutzhunde. Gemeinsam mit ihrem Mann Konrad hat sie den Verein gegründet, weil die steigende Anzahl an HSH in Not immer größer wurde. Sissy Lippitz kommt ursprünglich aus dem Sozialbereich, hat u. a. den Bachelor in Psychologie und den Master in Sozialmanagement und ist tierschutzqualifizierte Hundetrainerin, Verhaltenstrainerin und macht derzeit die Ausbildung für Tierpsychologie, Tierhaltung Tierbetreuung und Tierverhaltenstherapie. Gemeinsam mit ihrem Mann Konrad (er ist ebenfalls auch tierschutzqualifizierter Hundetrainer und als Verhaltenstrainer in Ausbildung) und der Tochter stemmen die drei – neben ihren Vollzeitjobs – die Hundebetreuung. Anders geht es aber nicht, denn öffentliche Förderungen bekommt der Verein keine, und alleine das Futter für die rund 80 Kilo schweren Hunde kostet ein Vermögen. Die Geschichten der Hunde, die sie heute auf ihrem Hof betreuen – eine trauriger als die andere –, und die Zahl der Tiere in Not werden immer größer. Warum? Weil der Mensch nicht oder nur selten mit ihnen umgehen kann, ihre Bedürfnisse nicht versteht und abdecken kann und der Herdenschutzhund gerade im „Trend“ ist.

 

Frau Lippitz, woher kommen die Hunde, die bei  Ihnen ein geschütztes Zuhause finden?

Der Verein nimmt vorrangig Herdenschutzhunde aus Österreich auf, in Ausnahmefällen und in Absprache mit den zuständigen Behörden auch Hunde aus dem deutschsprachigen Ausland. Hunde, die im Ausland von Auslandstierschutzorganisationen betreut werden, sind von der Aufnahme derzeit ausgeschlossen, da es in Österreich kaum adäquate Plätze für diese speziellen Hunde gibt und die Anzahl der schon vorhandenen HSH in österreichischen Tierheimen stetig steigt.

 

Was ist das Ziel Ihres Vereins?

Die Tiere in Not werden aufgenommen und untergebracht, und natürlich versuchen wir, diese wieder zu sozialisieren. Viele finden hier aber auch ein sicheres Zuhause für ihren Lebensabend, da sie aufgrund ihrer Vorgeschichte kaum mehr zu vermitteln sind. Da die Tierheime bzw. die Tierheimmitarbeiter in Österreich kaum auf diese speziellen Rassen geschult sind, passiert es auch oft, dass diese einzigartigen Hunde jahrelang in Einzelhaft leben müssen. Auch dafür ist der Verein Ansprechpartner.

 

Wie kommt es zu diesem enormen Anstieg an  ausgesetzten und misshandelten Hunden?

Leider stieg die Tendenz zur Haltung von Herdenschutzhunden in den letzten Jahren massiv an. Aufgrund der Zuwanderung von Großwild nach Österreich (und dementsprechende panikauslösende Berichte durch Medien usw.) wird versucht, Herden durch den Einsatz von Herdenschutzhunden zu schützen. Die Tatsache, dass es sich bei Herdenschutzhunden um sehr selbstständige und schwierig zu führende Hunde handelt, wird oft außer Acht gelassen. Herdenschutzhunde in urbanem Gebiet führen zwangsläufig zu Herausforderungen und auch zu Gefährdungen! Kommt es zu Vorfällen, werden die Herdenschutzhunde dann zu Unrecht als „gefährlich und aggressiv“ dargestellt. Es entwickelt sich ein Trend zur Haltung von Herdenschutzhunden durch Privatpersonen, die mit dem Umgang und den Charaktermerkmalen von diesen überfordert sind. Die Dunkelziffer von illegal eingeführten, zum Teil kupierten und aus Arbeitslinien stammenden Herdenschutzhunden ist hoch. Die Prognose der zu erwartenden Notfälle in den nächsten Jahren steigt zunehmend. Die Haltung von Herdenschutzhunden in dicht bewohnten Gebieten führt nicht selten zu Zwischenfällen. Kaum ein anderer Hundetyp ist derart umstritten wie der Herdenschutzhund. Und er ist ein Hundetyp, der gehäuft und immer öfter in Tierheimen und Notvermittlungen zu finden ist, speziell, wenn man eine prozentuale Angleichung zum effektiven nationalen Vorkommen vornimmt.

 

Und in Österreich gibt es keine oder kaum Ansprechpartner für diese Hunde in Not?

Österreichweit gibt es kaum Ansprechpartner für Herdenschutzhunde in Not und auch kaum adäquate Unterbringungsmöglichkeiten. Secure Base ist die einzige Anlaufstelle in Österreich, die sich rein auf Herdenschutzhunde spezialisiert hat. Wir betreuen auch ausschließlich diese Rassen. Dies spricht für die Wichtigkeit und auch Notwendigkeit von dem, was wir tun. Wie sind bereits mit einigen Tierheimen in Österreich gut vernetzt. Eine weitere Problematik kommt aber auch von den immer mehr werdenden Auslandsimporten, die in der Regel illegal über die Grenzen gebracht werden. Viele dieser Schlepper-Hunde haben weder Impfungen, Pässe noch die nötigen Traces. Somit ist auch der Gesundheitsstatus nicht überprüfbar. Leider scheuen sich die Leute dann, auch aus Angst vor Strafen, sich bei auftretenden Problemen an Fachkundige zu wenden, und somit werden die Hunde dann irgendwo ausgesetzt oder im schlimmsten Fall eben getötet. Die Dunkelziffer bei Einschläferungen ist hoch.

 

Was oder wie sind Herdenschutzhunde denn nun tatsächlich?

Es gibt leider, wie in so vielen Bereichen, auch bei den HSH-Befürwortern und HSH-Gegnern zwei Extreme. Die einen, die Herdenschutzhunde als die liebsten und freundlichsten Kuschelteddys beschreiben, und die anderen, in deren Augen Herdenschutzhunde die kinderfressenden, blutrünstigen Bestien sind. Herdenschutzhunde sind jedoch keines von beiden. Herdenschutzhunde sind, was sie sind. Ursprüngliche, robuste, selbstdenkende, fühlige Lebewesen, die bei adäquater Haltung und mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein, bei den passenden Rahmenbedingungen sowie der Fähigkeit zur Selbstreflexion und des Einlassens die treuesten, loyalsten, verlässlichsten und auch liebevollsten Freunde, Partner, Begleiter sein können.

 

Warum die Spezialisierung auf Herdenschutzhunde? Gibt es dazu eine besondere Geschichte?

Ja, die gibt es. Meine erste Kangal-Hündin (die mir als Labrador-/Golden-Retriever-Mischling im Tierheim übergeben wurde), mit der ich so ziemlich alle Anfängerfehler und Pannen erlebt habe, die man im Handling mit Herdenschutzhunden machen kann. Als ich mich auf die Empfehlungen eines älteren, knorrigen und knurrigen, aber sehr erfahrenen Kangal-Züchters einließ, habe ich etwas ganz Besonderes erlebt. Denn je mehr Zeit ich mit meiner Hündin verbrachte, und zwar ohne, dass ich irgendetwas an ihr machte, desto leichter und einfacher wurde es. Diese Faszination damals, die dadurch entstehende Bindung, Liebe, Freude und Hingabe zu und mit meiner Hündin waren der Auslöser dafür, warum ich jetzt das mache, was ich tue, und warum ich mich gerade mit diesen Hunden so verbunden fühle.

 

Was sind die größten Herausforderungen in Ihrer Arbeit im Verein/mit den HSH?

Die Menschen. Die Hunde-Menschen, die uneinsichtig und unreflektiert zu mir kommen, mit ihren Hunden, denen sie alles Mögliche vorwerfen. Hunde, die von ihnen zu dem gemacht wurden, was sie jetzt sind. Menschen, bei denen Hunde einfach nach ihrem Belieben „funktionieren“ müssen, und wenn sie es nicht tun, werden sie achtlos entsorgt. Menschen, die mit ihrer Beratungsresistenz glänzen und nicht bereit sind, auch nur ansatzweise auf die Bedürfnisse dieser Hunde einzugehen. Menschen, die mit Euthanasie drohen, wenn man die Hunde nicht sofort und am besten schon gestern abholt.

 

Sind Sie der Meinung, dass jeder dieser Hunde resozialisiert und vermittelt werden kann? Oder gibt es auch „hoffnungslose“ Fälle?

Hoffnungslose Fälle – nein, die gibt es für mich nicht. Es gibt Hunde, die sind speziell und brauchen dann auch spezielle Rahmenbedingungen. Und wenn ich sehe, das ist einer, der eben sehr viele „special effects“ hat, den ich mir nicht mehr bei einem neuen Besitzer vorstellen kann, dann werden hier eben genau diese Voraussetzungen geschaffen, dass er mit all seinen Verhaltensmustern trotzdem ein würdevolles und angenehmes Leben haben kann. Und der bleibt dann auch hier.

 

Sie bekommen sicher eine Vielzahl von Anfragen. Wie entscheiden Sie, welche Fälle Sie annehmen und welche nicht?

Ja, wir bekommen täglich neue Notfallanfragen und sind mit 20 Hunden eigentlich auch immer voll ausgelastet. Wir wissen leider auch, dass es vorkommt, dass wir mit unserer Ablehnung auch die Entscheidung über Tod und Leben mittragen, denn oft sind wir die letzte Anlaufstelle für Suchende, die sonst überall abgelehnt wurden, oder wenn auch der Tierarzt bereits das Okay für Einschläferung gegeben hat. Dennoch müssen wir uns eingestehen: Wir können nicht allen helfen, wir können sie nicht alle aufnehmen, und wir können niemals alle retten. So versuchen wir durch intensive Vernetzung und unter Rücksichtnahme auf die Situation, die Dringlichkeit und die möglichen alternativen Optionen die bestmögliche Lösung herauszuarbeiten.

 

Finden diese Hunde dann bei Ihnen nicht zumindest ein Stück „Hundeparadies“?

Dieses verklärte Bild von unserem „Paradies für Herdenschutzhunde“ muss ich leider zerstören. Denn jeder Neuzugang, der zu uns kommt, macht uns unsagbar traurig. Wer jemals Herdenschutzhunde in deren Ursprungsgebieten gesehen hat und gespürt hat, mit welchem Stolz und welcher Anmut sie ihre Herde schützen, wird demütig zustimmen. Herdenschutzhunde sind geboren, um zu leben, mit einer Aufgabe, die sie zu 100 % erfüllen. In Freiheit, in den Weiten des Landes. Bei ihrer Herde, die sie bis zum Tod verteidigen. Sie sind nicht geboren, um zu vegetieren. In Zwingern, in Stadtwohnungen oder in kleinen Verschlägen. Wer das Wesen eines Herdenschutzhundes versteht, weiß, was es für sie bedeutet, eingesperrt zu werden. Wir bemühen uns zwar, ihnen ein Stück ihrer Würde zurückzugeben, schaffen Raum und Sicherheit, aber ihre Freiheit können wir ihnen nie wiedergeben. Manche Hunde, die bei uns ankommen, sind gebrochen, erstarrt, gequält und voller Angst. Andere kommen aggressiv und ablehnend. Oder mit einer Mischung aus allem. Nur etwas haben sie alle gemeinsam: den Menschen im Hintergrund, der sie zu dem gemacht hat, was sie sind! Ganz egal, wie sehr wir uns um die Hunde kümmern, wie groß wir ihre Zwinger und Gehege bauen, wie viel Liebe wir schenken, wie viele Ausläufe wir für sie in Zukunft errichten werden – es bleibt dennoch, was es ist. Auch wenn viele Augen oftmals ein Paradies sehen, es bleibt ein Paradies hinter Gitter. Auch wenn viele Augen schöne Hunde sehen, es bleiben Hunde mit tiefen Narben, die nur vielleicht auf den ersten Blick nicht mehr erkennbar sind. Wir können nicht alle retten und auch nicht alle heilen, aber wir geben alles, um sie aufzufangen, ein wenig zu lindern und ihr Leben ein bisschen erträglicher zu machen.

 

Woher stammt Ihr Ehrgeiz für den Tierschutz?

Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere. (Arthur Schopenhauer)

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Eine Lobby für Herdenschutzhunde. Ein Miteinander statt Gegeneinander zum Wohlergehen dieser besonderen Hunde. Verständnis für diese oft verkannten Wesen. Und natürlich gerne einen großen oder viele kleine Unterstützer für die Zukunft des Vereins. Denn wir geben finanziell alles, was wir haben, und dennoch ist es leider nie genug …

 

Helfen – Jetzt – Hier!

Am meisten geholfen ist dem Verein mit einer Spende – die direkt den Tieren zugutekommt.

Kto.: Raiffeisenbank Kärnten, IBAN: AT 29 3900 0000 0109 5678.

Alle Infos zum Verein auch auf www.securebase.eu und auf Facebook.

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